Carl Marschütz 1885 im Alter von 22 Jahren
Carl Marschütz im Jahr 1885, im Alter von 22 Jahren

Carl Marschütz (1863 – 1957) war für die Fahrradindustrie in Nordbayern von ganz besonderer Bedeutung

und bedarf deshalb einer besonderen Würdigung:

Marschütz, der am 4. Sept. 1863 als Sohn eines jüdischen Dorfschullehrers in Burghaslach/Mfr. zur Welt kam, besuchte zunächst die Realschule in Fürth.

1877 wurde er von seinen Eltern nach Neumarkt/OPf. geschickt, um in der Kochherdfabrik und Eisenwarenhandlung „S. Goldschmidt & Sohn“

eine kaufmännische Lehre zu absolvieren. In dieser Zeit soll er erstmals mit Fahrrädern in Kontakt gekommen und sofort hellauf begeistert gewesen sein.

1882 begegnete er auf der 1. Bayerischen Landesausstellung in Nürnberg dem Mechaniker Eduard Pirzer, der dort zwei Hochräder ausstellte

und ebenfalls ein Fahrrad-Enthusiast war. Marschütz brachte Pirzer als Techniker, und seine Lehrherren, die Brüder Joseph und Adolf

Goldschmidt als Geldgeber, zusammen und 1884 wurde die Velocipedfabrik Goldschmidt & Pirzer in Neumarkt/OPf. gegründet.

Da England damals die führende europäische Nation in Sachen Fahrradtechnik und -entwicklung war, holte man sich zum Aufbau der Fabrik

englische Fachkräfte nach Neumarkt. Marschütz, ein fahrradbegeisterter, cleverer junger Mann, war mittendrin, lernte Englisch und bekam

hautnah mit, wie man die Produktion zum Laufen brachte.

Dass Marschütz sich auch mit der Fahrradtechnik befasste, belegt die Tatsache, dass er schon Anfang 1885,

also mit noch nicht mal 22 Jahren, sein erstes Patent bekam, und zwar auf ein “Bremsschloß für Bicycles”.

Als der Aufbau der Fabrik in Neumarkt geschafft war, wurde Marschütz Chef der Nürnberger Niederlassung,

die in der Bauerngasse 1 im Stadtteil Gostenhof errichtet worden war.

Aber Marschütz hatte weitergehende Ambitionen. 1886, im Alter von 23 Jahren, eröffnete er im April zunächst ein Velocipedlager

(also einen Fahrradhandel) in der Gostenhofer Hauptstr. 35 und im November dann die „Nürnberger Velociped-Fabrik Carl Marschütz & Co.“

in der Bleichstraße 10a, am Rosenaupark. Das Comptoir (Büro) befand sich in der Rosenaustr. 5.

Werbeanzeige von Carl Marschütz im Fränkischer Kurier vom April 1886
Werbeanzeige mit Kangaroo, Carl Marschütz, 1886, Nürnberg
Werbeanzeige von Carl Marschütz im Fränkischen Kurier vom Juni 1886

Das Inserat zeigt links ein sog. Kangaroo, eine Konstruktion, die den Übergang von den unfallträchtigen Hochrädern zu den Nieder-

oder Sicherheitsrädern (engl. Safeties) markierte. Das Vorderrad war mit 90 – 100 cm Durchmesser deutlich kleiner als bei einem 

Hochrad, das Hinterrad mit ca. 50 cm deutlich größer. Bewegt wurde das Kangaroo über zwei Kettengetriebe am Vorderrad.

An Selbstbewusstsein mangelte es Marschütz offensichtlich nicht, er textete: “Als eine unübertroffene Neuheit

empfehle ich mein Rapid-Bicycle, welches an Eleganz und Stabilität alles dagewesene übertrifft.”

Anzeige Carl Marschütz im F.K. vom März 1887
Werbeanzeige von Carl Marschütz im Fränkischen Kurier vom März 1887

Ein dreiviertel Jahr später zierte bereits ein Niederrad Marschütz’ Werbung. Die geschwungene Rahmenform wurde bald durch

sog. Kreuzrahmen abgelöst, und diese wiederum durch den heute noch gebräuchlichen Diamantrahmen. 

Wie damals allgemein üblich bot auch Marschütz Unterricht im Radfahren an: “Wir erwähnen noch, daß wir in einem großen

geschlossenen Raume eine Fahrschule für Fahrer jeden Alters eingerichtet haben und der Unterricht nach Belieben stattfinden kann.“

Anzeige Carl Marschütz im F.K. vom Feb. 1888
Werbeanzeige Carl Marschütz im Fränkischen Kurier vom Februar 1888

Mehr zu Carl Marschütz in meinem im Juli 2018 erschienenen Buch:

Von der “Velocipedfabrik Carl Marschütz & Co.” zur “Nürnberger Hercules-Werke AG”

Die ersten zwanzig Jahre von 1886 bis 1905. 

Preis: € 25,- zuzüglich Versandkosten

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