Jahrbuch der Millionäre in Bayern 1914

ist der Titel eines Buches, das mir kürzlich beim Recherchieren in die Finger kam. Klingt interessant, dachte ich mir, mal sehen, wie viele Fahrrad-Fabrikanten sich da wiederfinden.

Die Suche gestaltete sich mühsam, in dem Buch waren mehr als 1.200 Personen aufgeführt, die 1914 ein Jahreseinkommen von mehr als einer Million Mark hatten. Nummer 1 war König Ludwig III. von Bayern mit 300 Millionen Vermögen und 5,6 Millionen Jahreseinkommen. Beim Vermögen mit 290 Millionen knapp dahinter, mit 15 Millionen Einkommen aber weit vor dem Regenten rangierte Guido Fürst Henckel von Donnersmarck. Der hatte seinen Stammsitz zwar in Oberschlesien, erschien aber wegen eines Landsitzes in Egern am Tegernsee in der Statistik. Dritter war Fürst Albert von Thurn und Taxis, Herzog zu Wörth und Donaustauf, dessen fast 124.000 ha Grundbesitz ein Vermögen von 270 Millionen darstellten, aber „nur“ 5 Millionen Jahreseinkommen brachten.

Um die Geschichte abzukürzen: Der einzige bayerische Fahrrad-Fabrikant, den ich finden konnte, war der Kommerzienrat Johann Baptist Winklhofer in München, der zusammen mit Richard Adolf Jaenicke 1885 die Wanderer-Werke in Chemnitz gegründet hatte. Er war 1914 bereits „Rentier“, also jemand, der von seinen Kapitalerträgen lebt, was mit 3 Millionen Vermögen und 180.000 Mark Einkommen einigermaßen auskömmlich gewesen sein dürfte. – Von unseren Nürnberger Fahrrad-Größen Marschütz, Frankenburger, Ottenstein, Reißmann oder Bettmann keine Spur.

Die Zulieferindustrie war mit Kommerzienrat Ernst Sachs aus Schweinfurt (Kugellager) prominent vertreten, sein Vermögen war mit 5 Millionen, sein Einkommen mit 320.000 Mark angegeben. Kommerzienrat Rudolf Chillingworth in Nürnberg brachte es mit seinen Preß-, Stanz- und Ziehwerken (z.B. Tretkurbellager für Fahrräder, vermutlich aber hauptsächlich Zulieferungen an die Rüstungsindustrie) auf 3 Millionen Vermögen und 240.000 Mark Einkommen.

Nach etlichen Stunden peniblen Zählens machte sich Ernüchterung bei mir breit und die Erkenntnis, dass es kein einziger Nürnberger Fahrrad-Fabrikant in die Kategorie der „einfachen Millionäre, also solche, welche ein Vermögen von 1 bis 2 Millionen Mark besitzen“ geschafft hatte. Die wirklich großen Vermögen und Einkommen waren in den Händen von Fürsten und Freiherren, denen riesige Landgüter gehörten, Industriemagnaten, Bankiersfamilien oder Brauereikonzernen.

J. B. Winklhofer mit einem Wanderer-Fahrrad zu Anfang der 1890er Jahre
Johann Baptist Winklhofer mit einem Wanderer-Fahrrad zu Anfang der 1890er Jahre

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